Die Sonne schien, als das Schild enthüllt wurde: Jenny-Ries-Platz. Damit trennt den Busplatz und die Straßenbahn in Blumenthal keine Straße mehr. Die Eröffnungsfeier fand in der Kirche statt.

Der neue Jenny-Ries-Platz wurde entgegen aller Voraussagen am Sonntagmittag von der Sonne beschienen. Die ursprünglich geplante Freiluft-Veranstaltung zur Eröffnungsfeier auf dem noch abgesperrten Platz wurde wegen Orkanwarnung vorsorglich dennoch in die Kirche nebenan verlegt. (Volker Kölling)

Anderthalb Jahre Bauzeit, fast vier Millionen Euro Investition und die gute Nachricht, dass den Busplatz und die S-Bahn keine Straße mehr trennt: Die Blumenthaler haben am Sonntag etwas zu feiern und verbinden das eher unfreiwillig gleich noch mit einem Kirchgang. Denn nach der schnellen Enthüllung des Schildes mit dem Schriftzug Jenny-Ries-Platz und einmal Bändchendurchschneiden in der Gruppe geht es zum Schutz gegen den Sturm in die reformierte Kirche nebenan.

Pastor Ulrich Klein hat dem Stadtteil seine Party gerettet, erzählt Ortsamtsleiter Peter Nowack. Der hatte auf dem noch abgesperrten Busbahnhof eigentlich eine riesige Freiluftveranstaltung mit Bands, Vorführungen, Kran, Hüpfburg und allem Pipapo geplant. Dann kam die Orkanwarnung. „Ulrich Klein rief mich an und meinte, er könnte uns helfen und bot uns seine Kirche an. Das war die Rettung.“ Und improvisierte Feiern sind ja oft die besten. So müssen die Akteure in die Kirche: Der Fitnesspark-Stand rechts vom Taufbecken, die Bürgerstiftung links, das BSAG-Gewinnspiel und das Kinderschminken unter die Orgelempore. Der BSAG-Truck darf an den Friedhof heranfahren und direkt an der Kirche parken. Der Bierwagen steht vor dem Gotteshaus. Das Amt für Straßen und Verkehr und die Sparkasse bauen um 13 Uhr ihre Stände im Foyer auf.

Gut zehn Meter Band galt es zu Durchschneiden. Zahlreiche Schaulustige ließen sich dies nicht entgehen.

Jenny Ries: Erinnerung an jüdische Familie

Um 13.45 Uhr ist es entgegen aller Erwartungen trocken und die Sonne lässt den neuen Asphalt rund um den salinoförmigen Wartebereich mit den gläsernen Unterstellhäuschen fast blau leuchten. Bausenator Joachim Lohse, Peter Nowack, die Stolperstein-Initiatorin Wiltrud Ahlers und Walter Schörling von der Initiative Alt-Blumenthal ziehen gemeinsam am Bindfaden und holen den Stoffsack herunter von dem neuen Straßenschild. Schörling hat den größten Pathos in seiner Rede, als er meint, mit dem neuen Busbahnhof habe Blumenthal den Beweis geliefert, dass die Zeiten des Stillstandes und der Provisorien zu Ende gegangen seien: „Blumenthal hat wieder Anschluss an die Moderne gefunden.“

Gleichzeitig wird mit dem Namen Jenny-Ries-Platz ein weiteres dunkleres Kapitel Blumenthaler Geschichte geschlossen, das vielen wohl so gar nicht bewusst war. Schörling klärt auf, dass die Volksmund-Bezeichnung „Ständer“ auf die Gaststätte „Zum Deutschen Haus“ zurückgeht. Der Wirt Heinrich Ständer habe sein Haus als NSDAP-Gemeinderatsmitglied zum Treffpunkt der Anhänger der SA und der NSDAP gemacht. Die jüdische Familie Ries betrieb demnach direkt daneben ein Kaufhaus, bis die Familie feindselig bedrängt worden sei, so Schörling: „Die Benennung des Platzes nach Jenny Ries räumt endlich mit dem Mythos Ständer auf und rückt die historischen Ereignisse an diesem Ort im wahrsten Sinne zurecht.“

Stromtankstelle soll kommen

Das Band zum Durchschneiden ist wohl zehn Meter lang. Es ist dicht an dicht mit Menschen besetzt, die große schwarze Scheren in der Hand halten: Das Zersäbeln dauert nur Sekunden. Dann geht es ins Warme. Senator Joachim Lohse freut sich nach der Besichtigung auch über die gestalterische Lösung des Platzes und bedankt sich bei den Anwohnern, ÖPNV-Fahrgästen und anderen Verkehrsteilnehmern, dass sie die anderthalb Jahre Baustelle und Platzsperrung ohne großes Murren ausgehalten haben. Brigitte Piepter, Leiterin des Amtes für Straßen und Verkehr, lobt mit Peter Nowack die gegenseitige Kommunikation um die Wette. Nowack: „Durch den engen Draht waren wir im Ortsamt immer auf dem Laufenden und konnten den Bürgern immer sagen, wie hier der Stand der Dinge war.“

Inzwischen ist auch klar, dass der Busbahnhof-Bau mit 3.860.000 Euro nicht teurer geworden ist als ursprünglich kalkuliert. 90 Prozent der Kosten trägt nach Auskunft des Bremer Bauressorts dabei der Bund. In der Kirche übernimmt Peter Nowack die Moderatorrolle der großen Talkrunde. Und das macht er gar nicht schlecht: Der Ortsamtsleiter fragt Umweltsenator Lohse, ob er denn diese teuerste aller geprüften Bau-Varianten so noch einmal mittragen würde. Lohse ist ziemlich ehrlich, als er das verneint, weil die Haushalte nach der Entscheidung für den Umbau noch deutlich enger geworden seien. Lohse: „Aber deshalb können wir heute umso mehr froh sein. Das Ergebnis ist fantastisch. Wir wünschen uns im Senat, dass auch das den Stadtteil noch mehr voranbringt.“

Thema der Talkshow zur Busbahnhofeinweihung wird dann E-Mobilität. Das wundert nur, bis Beiratssprecherin Ute Reimers-Bruns (SPD) den einen Wunsch in die Runde wirft, der am neuen Platz noch nicht umgesetzt worden ist: Eine Stromtankstelle für Elektroautos. Dennis Witthus, E-Auto-Blogger, erläutert als Teslafahrer noch einmal die Vorteile eines leisen und abgasfreien Autoverkehrs. Und SWB-Vorstand Torsten Köhne, selbst seit sechs Jahren in einem E-Opel unterwegs, nimmt gerne die Rolle eines verfrühten Nikolauses ein: Bei den Ausbauplänen des SWB-Stromtankstellennetzes habe er Blumenthal noch nicht auf der Karte gefunden. Köhne: „Aber das können wir ändern. Ich sage Ihnen mal zu, dass sie auf jeden Fall hier auch eine Stromtankstelle bekommen.“